Ein anderes Leben ist möglich.

Talent und Prüfung.

Posted: April 24th, 2010 | Author: André | Filed under: Keine Lyrik, Neues | | No Comments »

UPDATE_

Was mich sehr freut: Malte Bremer hat eines Bearbeitung dieses Textes unter die Lupe genommen. Siehe hier.

Georg presste die Finger in seine Oberschenkel. Zugefallen ist ihm selten etwas. Aber Druck, ja, Druck hatte er immer.

Ur-Großvater Dr. Franz Rathbach, Zahnarzt. Großvater Prof. Dr. Ernst Rathbach, Kieferchirurg. Vater Dr. Karl Rathbach, Zahnarzt. Mutter Dr. Maria Rathbach, Dozentin für Endodontologie, etablierte die Wurzelbehandlung per Laser.

Sein älterer Bruder Conrad war jetzt seit zwei Jahren in Südamerika. Auf Sinnsuche unterwegs mit dem Rad. Und damit Schuld an einer vorübergehenden Alkoholproblematik seiner Mutter. Für einen Winter waren Maria und Mariacron enge Freunde. Die Pflicht brachte sie zurück in die Bahn. Darüber waren alle froh. Auch Conrad, der ein knappes „Bin erleichtert STOP“ aus einem chilenischen Bergdorf telegrafierte.

Aber der war da längst abgeschrieben und Georg der neue Hoffnungsträger. Dabei war nicht mal das Abitur in der Tasche. Die nächsten zehn Jahre Spitzenausbildung zum Dentalexperten aber fest eingeplant. Ein schlechtes Abi? Nun, die Rathbachs kennen alle und alle kennen die Rathbachs: Für Georg würde es an der Fakultät immer einen Platz geben.

Trotzdem wollte er glänzen. Wollte ihnen allen alle Ehre machen… irgendwie. Conrad, den verkappten Grafikdesignarchitekturtypografieexpertennerd, konnte er trotzdem immer verstehen. Und es war okay, dass er selbst nun maximal gepusht wurde. Georg war bereit „sich den Staffelstab zwischen die Zähne zu klemmen“, wie sein Vater gerne sagte. Doch das änderte sich, als er die Schülerzeitung entdeckte und der betreuende Lehrer seine Schreibe. Alles wurde anders an diesem Tag und Georgs stete Bereitschaft der Rathbach’schen Dentaldynastie ein neues Kapitel zuzufügen schwand. Ja, verpuffte. Mit jeder Reportage, jedem Kommentar, jedem Gedicht und bald mit jedem Blogeintrag den er privat zu den Themen Politik und Popkultur ins Netz hackte.

Und jetzt? Jetzt saß er auf einem unbequemen beigen Plastikstuhl und wartete auf letzte Instruktionen. Für den nächsten Tag planten die Rathbachs eine Feierstunde mit Schampus und Lachsfisch. Aber erstmal war Montagmorgen. Prüfungsmorgen: Abitur, Deutsch-LK, mündlicher Teil.

„Rathbach, Georg! Sie sind dran.“ Sein Deutschlehrer stand vor ihm.

Worms war in Ordnung und sah dem Comic Book Guy der Simpsons entsetzlich ähnlich.

„Na Georg, was gucken Sie denn so? Sie werden wohl kaum Probleme haben. Also kommen Sie gerade mit. Der Vorbereitungsraum ist gleich hier, Herr Schulz hat die Aufsicht. Setzen Sie sich. Hier sind die Aufgaben. Ich bin mir sicher, Sie haben sich gut vorbereitet. Warten Sie: Nehmen Sie noch Stift und Papier. Irgendwelche Fragen?“

Georg schüttelte den Kopf.

„Gut. Sie haben 15 Minuten. Ich hole Sie ab. Die Uhr läuft, bis gleich.“

Worms stapfte Richtung Tür.

„Böll?“, rief Georg in seinem Rücken.

„Böll, Nobelpreis 1972“, antwortete Worms, „15 Minuten!“

Die Tür schepperte ins Schloss. Georg öffnete den Umschlag. Tatsächlich: Zehn Zeilen aus „Ansichten eines Clowns“. Drei Aufgaben, eine entscheidend: „Heinrich Böll haderte zeitlebens mit der Bigotterie des katholischen Rheinlandes. Deuten Sie in diesem Kontext den Verfall seiner Hauptfigur Hans Schnier zum Ende des Romans.“

Man kann in einem System nicht funktionieren, das einen nicht lässt. Der Gedanke war schnell geschrieben. Nicht nur, dass es SEIN Buch war. Das war Georgs Thema!

Da saß er nun. Und seine Gedanken flogen davon und wurden Wolken. Schwarze Wolken. Mit bizarr blauen Blitzen. Er lehnte sich weit nach hinten, starrte an die Decke und spannte seinen Körper.

„Scheiße!“

Schulz sah auf. „Georg! Alles klar?“

Er nickte und ließ sich nach vorn fallen.

Was soll bloß werden? Vor seinen Augen poppten die Worte auf wie Kaugummiblasen. Was wenn nicht Arzt oder gleich Dentalgenie? Etwa Medienmensch? Und selbst wenn er es wagte: Würden ihn seine Alten am Leben lassen?

Sicher: Er war jetzt 23, musste nach einem Unfall mit neun zwischendurch fast zwei Jahre komplett aussetzen, blieb nach der Reha gleich noch ein Jahr hängen und machte sich jetzt Druck. Seine Eltern? Machten sowieso welchen und die Gesellschaft obendrein.

„Die Gesellschaft“! Was für ein Scheiß! Erfolgreich sollste sein, einen ehrenwerten Beruf ergreifen, gegen die Demografie anzeugen, mindesten 2,7 Kinder bekommen. Am besten mit Mitte 20. Und dann sollste dir das natürlich auch alles leisten können, sollst deine Talente nutzen, musst dafür deine Seele verkaufen, deine Ideen und deine Persönlichkeit in Projekte buttern und wenn du was mit Medien machst, Konzepte zusammenkloppen bis milliardenschwere Konzerne mit deiner knapp entlohnten Arbeit Millionen machen.

Werbetexter schloss er für sich also aus. Denn was machte das für’n Sinn? Und überhaupt…

Wozu funktionieren, verdammt? Georg schrieb die Worte hastig und schmierte wie immer.

Dann lieber wie Bölls Hans Schnier sein. Von der Muse geküsst gute Jahre haben aber sich dann ausklinken. Okay: Vielleicht besser nicht als Penner enden, aber wenigstens auch nicht in einem System Leistung heucheln, wenn man auch Gedichte auf’m Künstlermarkt verkaufen kann. Frei von Druck. Aber dafür auch ohne Vitra und Porsche.

Herrgott, verfluchtes Geld!

Er widerte sich an und all seine Freunde widerten ihn an. Ja, nein, jein, vielleicht, vor, zurück, Goa, geldgeil, Loft, Live Aid, Weltreise, New York süchtig, karrierewillig, Landidylle liebend…

Fuck off!

Er war es so leid. Und er hasste seinen wuchernden liberalen Pragmatimus. Seinen und den der anderen. So viele tausend Menschen haben so viele tausend Möglichkeiten. Und dann werden Sie Dienstleister: Werber, Grafik-Designer oder Plastische Chirurgen. Sie simulieren Freiheit und Unabhängigkeit, zittern aber vor dem Monatsende oder buckeln unter der SM-Knute von Kunden und Vorgesetzten. Was für beschissene Mensch-Maschinen! Geboren für Ökonomie und perfekt für die Gleichschaltung.

Was fehlt mir, dachte er. Was fehlt uns?

Visionen? Missionen? Oder schlicht der Mut? Mut, das funktionieren aufzugeben? Aber gehörte der wirklich dazu? Und was war das überhaupt?

Vor kurzem zappte sich Georg zufällig in eine Apollo 11 Doku: Drei Männer auf der Spitze einer 100 Meter langen und 160 Millionen PS starken Rakete, gebaut aus über sechs Millionen Teilen. Selbst bei einer 99 prozentigen Zuverlässigkeit aller Komponenten: Es hätten noch immer ein Prozent, sprich 60000 Schläuche, Sensoren und Dichtungen versagen können. DAS war Mut, war er sich sicher. Und natürlich verrückt, klar.

Aber für nur 400 Euro alle 30 Tage im 12-monatigen Praktikum bei Siemens in der PR-Abteilung eine 3000 Euro Stelle zu ersetzen und dabei wie ein Androide stoisch freundlich zu bleiben war genauso verrückt. Und nicht zuletzt wird man auch dabei kräftig durchgeschüttelt – wenn man abends auf dem Klo über der Schüssel hängt und vor Kotze und Ekel über sich selbst sich selbst nicht mehr erkennt. Ein Bekannter hatte das gerade hinter sich. Und war schon wieder mittendrin. Verzweifelt aber ferngesteuert.

Georg sah auf seine Uhr. Sieben Minuten noch. Er entzifferte sein Geschmiere:

Man kann in einem System nicht funktionieren, das einen nicht lässt.

Hans Schnier, Bölls Held, musste scheitern. Aber wenigstens hatte er nicht versucht mitzumachen. Hatte sich nichts vorgemacht und nicht die Augen verschlossen vor der Komplexität. Vor den Mühlen und den Zahnrädern, die die Naiven packen, zerquetschen und verschlucken wie Schmeißfliegen.

Georg liebte den Gedanken.

Nein, nicht den Alptraum zerquetscht zu werden. Er wollte nicht die Schmiere sein, die die Schwungräder in Gang hält und sich dabei Matrix-mäßig fröhlich vormachen, dass er die Dinge selbst in der Hand hat. Nein, er liebte die Idee zu fliehen und dem Blödsinn zu entkommen. Let there be… me! Nicht gelähmt durch Zwänge und dem Antrieb, funktionieren zu wollen für im Ergebnis nichts und wieder nichts.

Einfach mal die Rathbachs Rathbachs sein lassen mit ihren Praxen, Inlays, Spangen, Klammern, Plomben, Bohrern, Examen, Autos, Häusern, Villen, Gärten, Gemälden und Plunder. Titeln und Ehrungen. Würden und Blödsinn. Er liebte seine Leute, aber hasste ihre Leidenschaft für Parodontose. Wenn er das anderen so erzählte, hörte sich das meist witzig an, dabei war es einfach bitter.

Verdammt nochmal, sich wegbeamen, was erleben und vielleicht drauf hängen bleiben. Es drauf ankommen lassen: Das wäre groß!

Oder? Lieber nicht?

Was sagen die Freunde? Springt die Sippe in ‘ne Schlucht? Zählt das? Ist das egal? Das zählt doch auch! Oder nicht?

Was zählt eigentlich?

Georg fuhr sich durch die Haare – er war ein verfluchtes Instrument. Gleich ging es in die Prüfung. Die Antworten hatte er klar. Hatte er schon lange klar. Aber jetzt einen Kloß im Hals. Denn DIE Antwort hatte er noch lange nicht. Nur Wut, die ihn antrieb. Derer und dessen war er sich sicher. Wenigstens etwas.

Georg stützte sich auf, lehnte sich nach vorn und rieb sich die Augen.

Was für ein großer Haufen Scheiße! Eigentlich sollte ich aufstehen, rausgehen und wegbleiben.

Er kniff sich in die Hand: Eigentlich, eigentlich, eigentlich! Gab es wohl auch mal Zeiten, in denen Menschen noch Entscheidungen getroffen haben ohne sich drei Hintertürchen zu lassen? Wo waren die Leute die sagen: Jawoll, Kinder! That’s it!

Conrad, sein Bruder, war so einer. Und er war die Ausnahme… bestätigte die Regel. Georg selbst war wankelmütig, wusste das auch und kannte nur slackende Weichbirnen, die es nicht besser machten.

Früher hatten die Leute noch Vorbilder! Dann kam Zausel Kurt Cobain und alles wurde vage. Und jetzt saß er hier auf seinem beigen Stuhl in einem dotterfarbenen Raum vor seiner mündlichen Abi-Prüfung mit einer Kaffee schlürfenden Schnarchnase als Aufsicht und sollte gleich über Hans Schnier dozieren und wie er an den Umständen scheitern musste. Dabei ging es gar nicht nur um Böll. Es ging um ihn, um Georg Rathbach.

Und das im Jahr 15 nach Kurt!

Was ist passiert?, dachte Georg, alle sind so satt, aber rastlos zugleich. Es schien ihm, als wären alle verrückt geworden. In diesem ganzen Blödsinn, hatte der Wahnsinn tatsächlich Methode!

Georg ruckte hoch, der Stuhl flog, Schulz fuhr zusammen und verkleckerte seine Instant-Plörre.

„Junger Mann!“

Georg sah ihn an, die Ärmel seines Zippers waren hochgeschoben, sein Körper leicht verdreht. Mit ausgestrecktem Arm zeigte er auf den Studienrat, in der Linken knüllte er sein Papier. Herr Schulz atmete nicht.

„Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich Pete Townshend werde!“
Georgs Stimme dröhnte.

Schulz saß ohne Regung. Der Pausengong ertönte und waberte dumpf.

„Georg… die Zeit… sie… sie ist um“. Schulz war noch immer perplex, aber atmete wieder.

Die Tür sprang auf. Worms steckte schnaufend seinen Kopf in den Raum.

„Rathbach, Georg! 15 Minuten sind um. Man erwartet… Sie…“ Worms stockte. „Ist was passiert?“

Georg ließ den Arm fallen, strich die Zettel glatt und juckte sich die Nase.

„Jetzt erstmal Böll.“



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