Posted: Februar 12th, 2012 | Author: André | Filed under: Input, Neues, Themen | Tags: whitney houston | No Comments »
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Wenn wir keine Ikonen mehr bauen, keine Superstars und keine Diven, wenn wir nicht mehr in Dekaden denken und in großen Bahnen, wenn wir alles kaputt und klein diskutieren und dann
gar nichts mehr haben worauf wir uns einigen können; rein gar nichts mehr wo wir alle sagen
– ja, ganz gleich was ist – das hier ist das eine große Ding, speziell, besonders, kommt nicht wieder. Wenn wir all das nicht mehr pflegen, bleibt nur noch Graubrot mit Tilsiter. Camembert an guten Tagen. Dann bleiben noch Sitzgruppen und wertstabile Volkswagen. Dann funkelt nichts mehr und nichts bebt. Kein Herz und keine Ader. Kein Schimmer und kein scheinen ist dann mehr; keine Ahnung davon, dass da vielleicht noch was ist, noch was wartet, noch etwas sein kann. Weit weg von 2ZKB, 1.4L und all den blassen Chiffren, die uns der Jägerzaun sind. Es hat zu viel Klein-Klein. Es hat zu wenig Showtreppen. Alles so echt, viel zu echt, auf dass wir daran ersticken.

Posted: Januar 13th, 2012 | Author: André | Filed under: Input, Neues | Tags: raddatz | No Comments »
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“Ein Besuch beim legendären Fritz J. Raddatz. Der Anlass: seine Tagebücher.”
10.März 1989 — Denkwürdig, wie Gisela Lindemann vom letzten Tag Jean Amérys erzählte, der ja mit einer „Geliebten“ – einer Amerikanerin – in Salzburg war, die von seinem Selbstmordplan wußte und der er auf ihren traurigen Satz „Du wirst uns sehr fehlen“ antwortete: „Ich mir auch.“ Das geht mir nach – nicht nur, weil er auf den ähnlichen Satz, auf die schamlose Frage eines SPIEGELmenschen „Sie schreiben so viel vom Selbstmord – wann tun Sie es?“ antwortete: „Seien Sie doch nicht so ungeduldig“.
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Posted: Januar 9th, 2012 | Author: André | Filed under: Keine Lyrik, Neues | Tags: asche, balkon, berg, dunst, fenster, licht, luft, Nacht, stadt | No Comments »
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Ich bekomme kaum Luft. Ich lasse das Licht aus. Es ist kurz vor fünf. Jetzt schon Nacht. Ich merke
das Herz. Es schlägt schnell. Das tut es seit Tagen. Das tut es mir an. Ich ziehe schwer durch den Mund. Meine Nase ist zu. Den ganzen Tag gehen Kirchenglocken. Ich spiegele mich im großen Wohnzimmerfenster. Schemenhaft. Ich bin eine Kontur. Blassblau. Hier die Stadt, dahinter der Berg.
In den Häusern brennt kein Licht. Die Bäume schieben ihre Zweige in den Himmel. Ich reiße den Mund auf. So ist es nicht gut.
Wenn ich jetzt weiterschreibe. Wenn ich mich ans Fenster stelle. Wenn ich rausgehe. Wenn ich mich auf den Balkon lege. Wenn ich all das tue. Wenn ich es lasse. Wenn ich nichts mehr will. Wenn ich weiterschreibe und nur noch von mir. Wie ich welke. Wie ich Asche werde. Wie ich mich aus einer Wand schäle. Wie mir meine Beine brechen. Wie Schlacke über meinen Körper zieht. Sodass ich kaum atmen kann. Sodass ich die Stadt nicht sehe. Sodass ich liegen muss. Auf dem Balkon. Auf feuchten Bodenplatten. Asseln unter meinen Händen.
Vor der Brüstung explodiert eine Rakete. Ich stehe auf, unten im Garten winkt ein Mann. Ich kann ihn kaum sehen. Ich hebe den Arm. Wir rufen nicht. Wir schauen. Ich drehe mich um, noch ein Knall, grüne Funken. Ich blitze auf im großen Fenster. Ich, einmal mehr. Dann Kirchenglocken, meine Ohren, lautes Rauschen und darin von weit her Gesang. Fliegt Gedanken, von Sehnsucht getragen, fort von hier, fort von hier, fliegt für immer fort von hier. Dann falle ich, welke, werde Asche, werde Dunst, finde zum Berg, verlasse die Stadt. So ist es gut. Und Licht in allen Häusern.
Posted: Januar 1st, 2012 | Author: André | Filed under: Keine Lyrik, Neues | Tags: silvester | No Comments »
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Ein Snack. Vegetarische Bratlinge. Dazu gibt es nichts zu sagen.
Ich schaue fern. Dazu gibt es Silvesterpunsch.
Mick Jagger ist ein dünner Mann mit schwarzer Lederhose und einem sehr kurzen T-Shirt. Es sagt alles über die Welt, dass die Rolling Stones überlebt haben. Ob Jagger Kinski kannte? Diese dünnen Männer mit den großen Lippen. Alle haben sie mit Bowie geschlafen. Wir Hedonisten nennen das Glück. Das Konzert ist zu Ende. Die Leute rasten aus. Zeit für einen Punsch mehr. Und Zeit für das Freddy Mercury Tribute Konzert von ’92.
Wembley. Slash darf auch mitspielen. Queen haben Musikgeschichte geschrieben. Guns ‘n Roses haben unterhalten. Beides steht für sich. Mercury hat die Kerze von beiden Seiten angezündet und in der Mitte auch. Brian May hat langes, lockiges Haar. David Bowie im Anzug, mintgrün. Wir hätten alles von diesen Männern lernen können. Und von Anni Lennox mit ihrem raccoon make-up. Auch dieses Konzert geht zu Ende. Und wieder nimmt sie der Bowie alle mit. Mein Gott, die Lichter aus, Too Much Love Will Kill You.
Silvester kommt man zusammen. Man nimmt Abschied. Man sagt Hallo. Und Pro Sieben wiederholt “The Voice”. Vibes durch Wände spüren und die Bühne rocken. This is unfucking believable. Nein, so nicht. So geht es nicht. So wird es nichts. Mehr Punsch! Noch mehr Punsch und Sketchshows. Plötzlich Norbert Blüm. Nein, es ist kein Geschenk.
Silvester. Tschüss. Hallo. Simon and Garfunkel im Central Park. Sail on silvergirl. Hunger in Afrika. Meuterei auf der Bounty. Wilde tanzen einen Reigen.
Silvester kommt man zusammen. Erste Raketen. Im Haus gegenüber zieht sich eine Frau um. Ich glotze und sehe doch nichts. Der Himmel wieder sehr früh sehr dunkel. Kopfschmerzen. Zeit für Wodka, Orangensaft und eine scharfe Fischkonserve. Ich seh hier keinen Bowie.
Ich springe rum. Werde ich verrückt? Werde ich jetzt verrückt? Aspririn. Hilft gegen alles. Die Küche ist warm. Es stinkt nach Fisch. Bald gibt es keinen Fisch mehr. Bis dahin noch mehr Wodka-O. Herrlich. So muss es sein, anders soll und darf es nicht sein. Gleich noch ein drittes Glas! Frisch! Ich dekoriere Mandarinen mit Wunderkerzen. Ich denke an Afrika, ich denke an mich und lecke trockene Lebkuchenkrümel von der Arbeitsplatte. Niemand hier und ich zu viert. Ein Hase, ein echter Hase und er kündet etwas an.
In Wunderkerzen steckt Bariumnitrat. Meine Nase blutet. Rot. Rot. Papst Silvester der Erste, soso. Er ist aus Bariumnitrat und ich zünde ihn an. Jemand spielt dazu Gitarre. Klingt wie Jerry Garcia. Ein Segen. Und dann direkt zu Patti Smith tanzen. Wo soll das hinführen?
Deutschland baut das Fondue auf. Deutschland schneidet Fleisch. Deutschland macht Raclette. Auf der Platte braten Champignons. Touch me now, touch me now! Schatz ich kann nicht, ich schneide Fleisch. Haben wir genug Brennpaste? Es fehlt ein Pfännchen. Menschen gehen Zigaretten holen und kommen nicht wieder. Betroffenheit. Aber kein Problem. Deutschland wacht auf und schläft wieder ein.
Der Countdown läuft. Kurz nach halb Sieben. Harald Juhnke ist vor Jahren gestorben. Dass er sich umweglos ins Heim gesoffen hat schockt die Fantasielosen. Für Juhnke fiel der Vorhang an der Bar. Aber Lackschuhe glänzen, ganz gleich was ist. Menschen trinken, schneiden Fleisch, kommen nicht wieder.
Nichts bereuen, sich das Mikrofon zwischen die Beine drücken und es wichsen. Den Leuten in der ersten Reihe versuchen eins in die verzerrte Fresse zu schlagen, um sich dabei selbst ein paar einzufangen. Nein Philipp Poisel, das ist deine Welt nicht. Meine auch nicht. Und ich schäme mich für uns. Ja ich weiß, das kannst du nicht verstehen. Bitte such die Brennpaste, wir können sonst nicht essen.
Ganz gleich was den Leuten im Fernsehen einfällt, ganz gleich was sie produzieren, Rudi Carrell hat alles schon gemacht. In großen Samtagabendshows. Im Studio durfte er nicht rauchen. Und weil er es doch tat, stand hinter ihm immer eine Assistentin mit Wassereimer. Nein Philipp Poisel, das wäre nichts für uns. Mutter hat’s verboten.
Jahreswechsel. Etwas Neues beginnt. Menschen umarmen einander, prosten zu, schauen die Ansprache der Kanzlerin. Sie wollen nicht hadern, sie wollen glauben, Wein hilft dabei. Samoa ist schon durch. Samoa ist schon 2012. Wer spricht da zu den Leuten? Trinken Samoaner Wein? Ich wünsche es ihnen und proste ein Mal um die ganze Welt. Mit Wodka. Sicher ist sicher, so ist es gut, so könnte es klappen. Jedoch: In Samoa gibt es kein Silvesterstadl. Samoa braucht weder Sprecher, noch Likör. Samoa ist das Glück und macht was es will. Das es sowas noch gibt.
Zwanzigvierundzwanzig. Ein Drink mehr. Einundzwanzigachtundzwanzig. Langsamkeit. DJ Ötzi auf allen Kanälen. Ich atme schwer. Suche in iTunes nach Disco-Klassikern. Hypnotisch.
Rockbands hassen Disco. Nur Rod Gonzalez von den Ärzten hasst Disco nicht. Die Ärzte sind ein sehr deutsches Phänomen. Aus Deutschland kommen keine guten Bands. Weil wir Deutschen kuscheln gern. Heinrich Mann hätte kuschen gesagt. Ist aber auch egal. Denn was immer diesen Leuten einfallen würde, andere vor ihnen haben alles schon gemacht. Rudi Carrell ist Rock ‘n Roll.
Das Publikum in Silvestershows klatscht unglaublich lang und unglaublich hart. Meine Tante zappt unglaublich schnell durch alle Kanäle. Auf der ARD bejubeln Trachtenträgerinnen zwei kleine Akkordeon-Chinesen in Lederhosen. So haben wir’s gern. Auf 3sat flippen 100.000 Menschen aus wenn AC/DC spielen. Der Weg in die Hölle ist ein ausgetretener Pfad. Mit Sicherheit aber führt er weg von Trachtenträgerinnen. Und an seinem Ende wartet David Bowie. Er singt This Is Not America, reicht uns seine Hand und wir sagen nicht nein, heute nicht. Doch die Guttenbergs sind auch da, lächeln uns an. Sie spielen Luftgitarre. So geht es also zu Ende. Nichts ist mehr sicher. Wahnsinn.
Zweiundzwanzigdreiundzwanzig.
Eine Luftschlange würgt an meinem Hals.
Dreiundzwanzigachtzehn.
Ich nehme Abschied.
Dreiundzwanzigvierzig.
Ich proste mir zu.
Dreiundzwanzigdreiundfünfzig.
Ich scheiße auf alles. Und ich rette mich.
Silvesternovelle. Novelle, weil ich es so will.
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